Die Erde stirbt. Wir sind zu Viele. Das soziale Ungle­ichgewicht steigt und die politischen Lager sind gespalten wie selten…

Das Projekt „Human Diary“ ist eine Betra­chtung der Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft:
Mit künst­lerisch-bildner­ischen Mitteln veran­schaulicht das Vorhaben die Komplexität der gesellschaftlichen und ökonomischen Verflech­tungen, die das derzeitige politische, soziale und ökolo­gische Dilemma begründen. Ausgehend von einer subjek­tiven Darstellung weichen­stel­lender Episoden aus der Menscheits­geschichte zeichnet die geplante Arbeit dabei eine Zukun­fts­fiktion, die anhand einer gedanklichen Hochrechnung der Gegenwart schließlich von den drama­tischen letzten Tagen der Menschheit berichtet – einer Endzeit, der ein Kernproblem unserer momen­tanen Situation zugrunde liegt: Wir besitzen keine umset­zbare Idee, kein tragfähiges Konzept, ein absehbares Ende, das Kolla­bieren unserer Zivil­i­sation, aufhalten zu können.
Im Projekt ergibt sich indes aus der Darstellung eines individu­ellen Lebenswegs eine stille perfor­mative Bildwelt, die eine verbleibende Perspektive im Ringen um Lösungen der Krise, veran­schaulichen will…

Human Diary“ ist konzipiert als eine inter­diszi­plinäre Instal­lation, die sich aus mehreren, thema­tisch ineinander greifenden Räumen zusam­mensetzt. Sie verleihen der Arbeit eine Kapitel­struktur, die dem dramatur­gischen Ablauf eines Spielfilms vergle­ichbar ist. Die einzelnen Räume sind ein Zusam­men­spiel aus Bewegt­bildern, Fotografien und fiktionalen Artefakten. Inhaltliche Bezüge zu historischen Ereignissen, Geschehnissen der Jetztzeit und Zukun­ft­s­the­orien, auf die das Projekt episo­denhaft Bezug nimmt, vermitteln sich dabei in abstrahierten, metapho­rischen Bildern – so stellt die Instal­lation die elementare Heraus­forderung, das Ökolo­giesystem zu bewahren, in Form einer Allegorie dar. In ihrem Mittelpunkt steht die Leiden­schaft eines Kindes, seine Liebe zum Tanz. In ihm verdeut­licht sich in der Arbeit sinnbildlich das Schicksal der Erde unter dem Regime der Menschheit.

Hinter dem allegorischen Bild spiegeln sich im Vorhaben die globalen Ereignisse, die gegen­wärtig mangelnde politische Bereitschaft, sozial und ökolo­gisch längst überfällige Verein­barungen kooperativ vorzunehmen, in der Darstellung der stagna­tiven famil­iären Situation des Mädchens, sowie einer Krankheit, unter der das Kind leidet und dem Unver­mögen seiner Eltern, damit umzugehen. Das private Geschehen, die seelischen Spannungen zwischen den handelnden Individuen, ihr Annähern und wieder Auseinan­der­driften machen assoziativ die Folgen von zwischen­staatlichen Kommu­nika­tions­bar­rieren und der weiter aufkeimenden Separa­tionspolitik emotional spürbar.
Anges­pornt durch die omnipräsente Umwelt­de­batte gerät dabei im täglichen Nebeneinander von Kind und Eltern, die vor allem in eigene Konflikte verstrickt sind, das stille Hilferufen des Mädchens um Aufmerk­samkeit und Zuwendung in dessen Fantasie zum Bild der fatalen Wechsel­wirkung zwischen Menschheitsin­ter­essen und versiegender Erde. Ausgehend von diesem Vergleich veran­schaulicht die Arbeit dabei anhand einer sich von Raum zu Raum wandelnden Tanzchore­o­graphie des Kindes den immer mehr einbrechenden Zustand von Ökologie und Klima.

Die Tanzper­for­mance, die zentrales Gestal­tungse­lement aller Räume ist, inter­agiert dabei in der Instal­lation mit fiktionalen Texten, Skizzen und Zeich­nungen, die aus einem Tagebuch des Mädchens stammen. Der Reihe nach ausgestellt, bilden die einzelnen Seiten und Blätter des Buchs einen inhaltlichen Leitfaden durch die Arbeit. Er veran­schaulicht die Ahnung von einer Menschheit, die, ethisch und technol­o­gisch über den Zenit hinaus, auf apoka­lyp­tische Verhält­nisse in einer im Tagebuch nicht näher bestimmten Zukunft zusteuert und verdeut­licht die Vision des Mädchens dabei gleichsam auch als eine Folgeer­scheinung der Krankheit des Kindes, einer bipolaren Nerven­störung, die schließlich durch eine Affek­thandlung des Mädchens in einer Tragödie endet. Das private Geschehen ist dabei im letzten Raum der Instal­lation in eine Situation einge­bettet, die die Arbeit als poten­tielles Zukun­ftsszenario darstellt: Bei einem Stadt­bummel, einem andauernden Zwist der Eltern entflohen und in ein Auto gerannt, ist das Mädchen schwer verletzt auf einer Straße zu sehen; verzweifelt ringen seine Eltern um Hilfe – doch die Gesten der Protag­o­nisten sind erstarrt. Im existen­tiellen Augen­blick festge­halten, sind die Körper der Personen präpariert: Im Instal­la­tion­sraum ausgestellt in einem Diorama, vermitteln sich die Menschen als Wesen einer vergan­genen Epoche.

Begutachtet wird das Exponat im Instal­la­tion­sraum von Künstlicher Intel­ligenz, von Maschinen, die sich mit Blick auf das ausgestellte, sterbende Mädchen und dessen Leiden­schaft zum Tanz schließlich anfangen zu bewegen, sich im Kreis zu drehen und den Eindruck vermitteln, sich freuen zu können, zu lachen und gleichsam zu beherrschen, was vormals emotionale Heimat des Kindes war: Die Maschinen scheinen zu tanzen – Emotionen wie Leiden­schaft, Sehnsucht, Liebe, Trost und Trauer zeigen sich als Phänomene einer lange zurück­liegenden Vergan­genheit, die einst von menschlichem Dasein, Handeln, Denken und Glauben geprägt, Gegen­stand einer rückblick­enden Betra­chtung geworden ist …

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